Lutz Dammbeck war Anfang des Jahres so nett, mir per e-mail seine Arbeitsnotizen zu seinem Film „Das Netz“ zu schicken. Harter Toback. Ich möchte das weder unterschreiben noch dementieren. Auf jedenfall interessante Hintergrundinformationen zum Film den man gesehen haben muss!!!

Arbeitsnotizen zum Film „Das Netz“, Stand Mai 2006

Als ich im Jahr 2001 mit der Arbeit am Film begann, wollte ich zunächst den Affairen nachspüren, die moderne Kunst mit Computern und neuen Technologien in den 1960er Jahren eingegangen waren. Begriffe wie Loop, Feedbackschleife, System, Simulation oder Kommunikation verwendeten ja nicht nur Kybernetiker und Systemtheoretiker, sondern gehörten auch zum Programm einer in diesen Jahren revoltierenden Avantgarde die alle Grenzen zwischen Kunst und Leben auflösen wollte:
CHANGE NOW!

Pop- und Op-Art, Mixed Media, Happenings, Künstler wie John Cage, Nam June Paik oder Andy Warhol, Bands wie Grateful Dead und Velvet Underground – das war ein Cocktail aus Revolte, Rock und Pop, der mich faszinierte. Die Botschaft war: alles ist möglich, Realität ist beliebig veränderbar. Du bist, was du sein willst!

Bei näherer Betrachtung schien mir dieser Mix aber nur Teil eines viel komplexeren „Meta-Systems“ zu sein, das zwar Kunst und Computer mit einschloß, aber noch viel mehr umfaßte.
Zunächst war ich von einer zumindest gleichberechtigten Rolle der Kunst im Verhältnis zur Wissenschaft und den neuen Technologien ausgegangen. Doch je länger ich recherchierte, desto blasser wurde das Bild von einer Multimedia-Moderne mit der Aura des kritischen „Anderen“.
Mir schien, dass Kunst nicht Störgeräusch, sondern Systemverstärker gewesen war, und das lange bevor „aus der Gegenkultur die Kultur wurde“, wie es Stewart Brand in „Das Netz“ formulierte.
So begann ich mich stärker für die Vordenker und Konstrukteure dieses wissenschaftlich-technisch basierten „Meta-Systems“ zu interessieren – und für deren Auftraggeber.
Meine Recherche führte mich so zu den Anfängen der Kybernetik, der Systemtheorie, der Bionik, des parallelen Rechnens, der künstlichen Intelligenz, dem Bau von Computern und dem Konstruktivismus als Denktradition.

Bald stiess ich auch auf die legendären Macy-Konferenzen, an denen Elitewissenschaftler, Sciencemanager und Beamte verschiedener amerikanischer Behörden teilnahmen, und die Grundrisse für eine symbolische Welt als „offenes System“ entwickelten.

Im Rückblick erscheinen die Macy-Konferenzen, folgt man Claus Pias, als der Ort, wo „ein Theorie-Werden im Vollzug beobachtet werden konnte“.
Die drei entscheidenden Bausteine für dieses Theorie-Werden stammten allesamt aus den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts:
Warren McCullochs A Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity, Norbert Wieners Behavior, Purpose, and Teleology und Claude Shannons Mathematical Theory of Communication.
Sie lieferten die theoretischen Anstöße, aus denen die Teilnehmer der Macy-Konferenzen eine universale Theorie der Regulation, Steuerung und Kontrolle zu entwickeln suchten. Diese Theorie beanspruchte, für Lebewesen ebenso wie für Maschinen, für ökonomische ebenso wie für psychische Prozesse und für soziologische ebenso wie für ästhetische Phänomene zu gelten.
Der Mensch erschien nun als ein besonderer Fall der Informations-maschine, und die Informationsmaschine als ein besonderer Fall des Menschen. Mit Hilfe der von Norbert Wiener entwickelten Kybernetik setzte sich eine neue Denkweise durch, die eng mit der Entwicklung von Waffenlenk- und -kontrollsystemen einherging, wobei sich die Unterschiede zwischen Belebtem und Unbelebtem – zwischen Mensch und Maschine – verwischten.

Mich interessierte an den Macy-Konferenzen aber nicht nur der interdisziplinäre Ansatz im Geist des Wiener Kreises, sondern auch die Tatsache, dass zahlreiche Teilnehmer der Konferenzen damals oder wenig später wichtige Schlüsselpositionen bei der Entwicklung von Computern, zum Beispiel im Waffenbau, bei der Verhaltensforschung oder in der Soziologie besetzten: Jerome Wiesner als Direktor des MIT und Mitbegrün-der des Center for Advanced Visual Studies, J. C. R. Licklider in der ARPA, John von Neumann beim »Manhattan-Projekt«, der Gestalt- und Sozialpsychologe Kurt Lewin bei der Entwicklung neuer Modelle für »Führung als Gestaltung komplexer Systeme« oder der Soziologe Paul Lazarsfeldt in der angewandten Sozialforschung.

Spannend fand ich aber nicht nur die zu Fragen der Kybernetik abgehaltenen Konferenzen, sondern auch die Treffen, die sich dem Einsatz der Psychiatrie oder der Wirkung von LSD und Psychopharmaka im Zeichen einer Doktrin des »Mental Health Movement« widmeten – der Heilung einer durch Faschismus und Totalitarismus „kranken“ Welt, und die damit einhergehende dynamische Suche nach einem immerwährenden Zustand von Harmonie – in einer neuen Ordnung für diese Welt.
Von Margaret Mead und Larry Frank, zwei der Säulen der Macy-Konferenzen, ist durch Steve Josuah Heims in seinem Buch „CONSTRUCTING A SOCIAL SCIENCE FOR POSTWAR AMERICA. THE CYBERNETICS GROUP“ im Zusammenhang mit einer 1947 in London abgehaltenen Konferenz zum Thema „Weltgesundheit“ folgendes Zitat überliefert:
»Das Ziel von geistiger und seelischer Gesundheit erweitert sich, von der Vorsorge für die Entwicklung von gesunden Persönlichkeiten hin zu den größeren Zielen von einer gesunden Gesellschaft. Das Konzept von geistiger Gesundheit steht im engen Zusammenhang mit einer neuen Weltordnung und Weltgesellschaft.
Unstrittig unter den Teilnehmern der Konferenzen war, dass die USA das Modell dieser neuen Weltordnung und Weltgesellschaft sein sollten: das kommende Jahrhundert würde das einer „Pax Americana“ sein, einer „One World“ unter Führung der USA.

Geboren waren diese Utopien von einer Weltheilung durch neue Technologien und Wissenschaft auch aus der tiefsitzenden und existienziellen Angst einiger Teilnehmer der Konferenzen.
Es war die Angst der Emigranten vor der Vernichtung durch Lager und Gaskammern auf Grund der Zugehörigkeit zu einer Rasse – der jüdischen Rasse. Die Ursachen dafür schienen für sie sowohl im repressiven Charakter wie in autoritären und rassistischen Strukturen begründet, die durch Erziehung und Tradition verursacht und begünstigt wurden. Familie, Nationalismus, Nation, Religion und Mythos schienen unauflöslich verbunden mit Faschismus und Rassismus in einer Angst machenden Synthese, fest verknüpft mit der metaphysischen Vorstellung von einer „übernatürlich geschaffenen Natur“. Diese Natur erschien gefährlich und verdächtig, wie Schönheit und Harmonie Träger dunkler und irrationaler Mächte zu sein.
Nun sollte es eine neue Natur geben: von Menschen gemacht, programmiert und kontrollierbar – eine neue Evolution.

Dafür schien es notwendig, nicht nur die Natur des Menschen und dessen kulturelle Muster zu verändern, sondern die Welt in eine postnationale, multi-ethnische Weltgesellschaft ohne festgeschriebene Grenzen zu verwandeln. Die erforderlichen Werkzeuge und Baupläne für diese neue Weltordnung glaubten die „Macy-Gruppe“ und andere anbieten zu können: neue und schnellere Rechenmaschinen, Systemtheorie und kybernetische Modellwelten, mit denen alle Bereiche von Wissenschaft, Kultur und Politik kontrollier- und steuerbar erschienen.

Doch in diesem System gab es nicht nur dessen Agenten und Partikel, die gemäß den kybernetischen Vorstellungen von „control and communication“ reibungslos durch die neugeschaffenen Netzwerke zirkulierten, sondern auch Störgeräusche – im technischen wie im metaphorischen Sinne.
Störgeräusche von Einzelnen und Gruppen, denen diese Entwicklung Angst machte, und ihren Widerstand provozierte.

1975 erschien in den USA das Buch „The Monkey Wrench Gang“, ein krimi des Schriftstellers Edward Abbey, in dem ein obskures Quartett durch Amerika irrte, und die Maschinen, welche die unberührte Natur zerstören, sabotierte. Abbey stand in der Tradition Thoreaus und hatte die Wildnis- und Naturschutzbewegung der USA maßgeblich beeinflusst.
Sein Buch war bald Kult bei den Stämmen von „Krieger/innen“, die sich in den USA in den 70er Jahren formierten, und für die Verteidigung der Natur und gegen Umweltzerstörung durch den technischen-wissenschaftlichen Fortschritt kämpften. 1979 bildete sich aus diesem Umfeld
die Gruppe „Earth First!“, eine anarcho-terroristische Vereinigung, die in enger Verbindung mit Gruppen wie dem World Wide Fund for Nature, der Audubon Gesellschaft, Greenpeace, den Zapatistas oder der Earth Liberation Front operierte. Earth First gab auch eine Zeitschrift heraus, das Eart First Jounal.

Einer der Leser des „Earth First! – Journal“ war auch ein ehemaliger Mathematikprofessor aus Berkeley, Ted Kaczynski. 1969 hatte der Sohn polnischer Einwanderer aus einem kleinen Dorf in den Karpaten überraschend seinen Ausstieg aus Universitätslaufbahn und der Mathematik verkündet, und war in die Wildnis Montanas abgetaucht, wo er sich mit Hilfe seines Bruders eine Hütte baute, die detailgetreu der Hütte Thoreaus am Walden-See nachempfunden war.
Wie sein Vorbild Henry David Thoreau suchte er hier in einem strengen Selbstexperiment nach wirklichen Erfahrungen und einer Realität, die sich im grenzenlosen Raum von Mathematik und Logik in abstrakte Strukturen und Formeln aufgelöst hatte.
Auf über 40.000 Tagebuchseiten protokollierte er über 20 Jahre lang seinen Versuch, ein autonomes Leben im Einklang mit der Natur zu führen.
Seine private Wiederaneignung der verlorengegangenen Einheit von Mensch und Natur war der Versuch, die durch Technologie und Zivilisation in der heutigen Form verursachte Entfremdung zu überwinden, um so zu Ganzheitlichkeit und ursprünglich angeborenem „sinnlichen Wissen“ zurückzufinden. Einer seiner Freunde, der Autor und radikal-ökologische Anarchist John Zerzan formulierte den Impuls dafür folgendermaßen:
Trotz des Beweises, dass Kultur nur zum Nachteil der Natur dominieren konnte, muß man sich immer wieder sagen lassen, dass das Symbolische – wie auch die Entfremdung – ewig sei. Folglich werden alle Fragen nach deren Ursprüngen negiert. Keinerlei Spuren sollen verfolgt werden, außer die jener Semiotik, in der alles gefangen ist.

Massiver und unbefriedigender Konsum, verbunden mit dem Diktat der Produktion und sozialer Kontrolle, soll als täglicher Trost für die Abwesenheit von Sinnlichkeit und vormaliger Ganzheit dienen.
Wir sind dermaßen in der kulturellen Logik der Verdinglichung und der verdinglichenden Logik der Kultur gefangen, daß jene ungehört bleiben, die neue Rituale und Formen der Darstellung einer wieder verzauberten und ganzheitlichen Existenz vorschlagen.
Die Kultur und die Zivilisation brachte uns dazu, unseren eigenen und angeborenen Geist und unsere angeborene Ganzheit zu verraten, und verführte uns in ein immer schlechter werdendes Reich der synthetischen, voneinander isolierenden und armseligen Entfremdung.

1996 verhafteten FBI-Agenten Ted Kaczynski in seiner Hütte als den
sogenannten „Unabomber“, den das FBI für 23 Bombenanschläge verantwortlich machte, die zwischen Mai 1978 und April 1995 die USA erschütterten. Anschlagsziele waren u.a. Manager großer Fluggesellschaften und Wissenschaftler verschiedener Eliteuniversitäten., wie der Verhaltensforscher James McConnell, der Computerwissenschaftler David Gelernter oder Chef der Fluglinie United Airlines, Percy Wood.

Das FBI hielt Ted Kaczynski, der als Student in Harvard unter dem Codenamen „LAWFUL“ Versuchskaninchen für psychologische Experimente eines ehemaligen OSS-Psychologen gewesen war, auch für den Autor eines Manifests mit dem Titel vIndustrial Society and Its Future“, in dem 1995 eine bis dahin unbekannte Gruppe von Anarchisten mit dem Pseudonym FC der „technologischen Gesellschaft“ den Krieg erklärt hatte.

Der Text war an zwei führende amerikanische Zeitungen verschickt worden mit der Aufforderung, den Text abzudrucken, und mit der Zusage, in diesem Fall die Serie der Bombenanschläge einzustellen.
Die beiden Zeitungen druckten den Text, der seither in verschiedenen Fassungen im Internet kursiert. Bereits der erste Satz schlägt den Grundton an: „Die industrielle Revolution und ihre Folgen sind eine Katastrophe für die Menschheit“. Das Manifest setzt sich entschieden von dem Fortschritts-glauben und Fortschrittsoptimismus ab, der die europäische Entwicklung der Neuzeit begleitete und schlägt sich auf die Seite von Fortschritts-kritikern wie Rousseau, Ellul oder konservativen Zivilisationskritikern etwa der Romantik.

Das Manifest plädiert nun aber nicht für Machtlosigkeit und Passivität gegenüber der Natur, sondern dafür, daß die Macht des industriellen Systems gebrochen wird, und die Macht und Freiheit der Einzelnen und kleinen Gruppen verstärkt werden soll – also: small scales, face to face.
Der Text schwankt dabei zwischen Analyse der industriellen Gesellschaft, Mutmaßungen über ihre Zukunft und taktischen Überlegungen zu ihrer Zerstörung und endet mit dem Aufruf zur Revolution im Stile eines konsequenten futuristischen Elitenprogramms.
Eine kleine Gruppe intelligenter Menschen muß gewonnen werden mit der strategischen Polarisierung: Masse gegen Elite.

Die Revolution soll nicht politisch sein, sondern technologisch-wirtschaftlich. Ziel ist nicht, die politische Macht zu übernehmen, sondern eine Revolution von unten: create your own space – and defend it. Das einzige traditionelle Etikett, das sich FC zulegt – und auch dies nur nebenbei, in einer Fußnote, ist das des Anarchisten.

Mit dem Unabomber und seinem Manifest auf der einen Seite, und den Designern einer Welt als „offenem System“ auf der Grundlage von wissenschaftlicher Weltauffassung und wissenschaftlich-technischem Fortschritt auf der anderen Seite, so meine Recherchen bei Drehbeginn, standen sich also ZWEI diametral verschiedene Weltheilungsversuche gegenüber, die beide sowohl aus Angst, Paranoia wie aus der Hybris geboren waren, für eine WELTHEILUNG auserwählt u n d berufen zu sein.

Der Versuch Kaczynskis, „unsichtbare“ oder „verborgene“ Bereiche in entlegenen Wäldern zu schaffen, die dem Zugriff der Informations- und Kontrollgesellschaft entzogen sind, wurde vom FBI und den meisten amerikanischen Medien zum reinen Kriminalfall ohne jede politische Bedeutung erklärt, und Kaczynski als paranoider »sickie« stigmatisiert. Das führte bald zum Abflauen der anfänglichen Faszination und Unterstützung durch Teile der linksliberalen Intelligentsja und Cyberelite, so Kevin Kelly 1995 in „Wired“ Dieser Typ ist ein Freak, einer von uns. Das [Manifest] ist aufgebaut wie eine Doktorarbeit oder wie eine computerwissenschaftliche Studie. Sehr sauber. Wie seine Bomben.

Auf der anderen Seite scheinen sich die hochfliegenden Träume von der Heilung einer „kranken“ Welt durch Wissenschaft und Technologie heute aber zunächst einmal in einem sich weltweit ausdehnenden Handelsnetz konkretisiert zu haben. Dieses „Netzâ“ ist die Voraussetzung für einen einheitlichen, formalisierten und globalisierten Einheitsmarkt. Für dessen unaufhörliche und unendliche Ausdehnung, das ist die Grundidee und nicht begrenzbares Wesensmerk-mal, stellen allerdings die Existenz von Staaten, Nationen, Grenzen oder schwer anschlußfähige Religionen, etwa der Islam, Hindernisse dar.
Der Logik des Netzes folgend müssen diese nicht nur beseitigt oder anschlußfähig gemacht werden, sondern auch die zu transportierenden Informationen, Waren und letztlich auch entwurzelte Menschen müssen so geformt werden, dass sie problemlos durch das Netz fließen können.

Die Technologie liefert die Modelle der Regeln und die Normen, die dieser „flow“ benötigt. Alles, was ihn behindert, wird als Irregularität und Systemstörung behandelt.
„Formatieren“ und „Ruhigstellen“ sind deshalb Aufgaben, für die von der Psychologie, der Psychiatrie, der Verhaltensforschung, der Entertaínment- und Medienindustrie und zukünftig auch der Bio- und Gentechnik effektive und praktikable Lösungen erwartet werden, um die für die nähere Zukunft prognostizierten Massen von nutzlosen und überflüssigen Menschen ruhig stellen und verwalten zu können. Der Einzelne fungiert so nur noch als »Information« in einer unendlichen kybernetischen Feedbackschleife -möglicherweise der modernsten und bislang effektivsten Form des Lagers , in dem Kunst sowohl als Schmier- und Gleitmittel, wie als schein-kritische Maskerade dient.

Diese „consumer“ müssen durch elektronischen Medien-Klimbim verschiedenster Art wie Games, Game Shows oder Handyfernsehen eine elektronische Fußfessel verpasst bekommen, die wie eine Injektion von Beruhigungsmitteln wirkt und zugleich die Menschen immer enger an die Maschinen bindet. Dennoch aufkommende Störungen werden als Rauschunterdrückung behandelt – und weggefiltert. So ist neben dem „Container“ und dem „packet-switching“ auch der „Filter“ Voraussetzung und Emblem zugleich für eine Welt als globales Handelssystem, dessen Ausweitung militärisch und medial unablässig und zuverlässig vor Störungen und Kritik gesichert wird.

Gewonnen wird durch die Digitalisierung einerseits ein ungeheures Tempo und (angeblich) unendliche Kopierfähigkeit, sowie geringere Kosten, Enthierarchisierung, Spontanität des Zugriffs und Demokratisierung des Umgangs mit und des Einflusses auf die neuen Medien. Allerdings: nichts davon ist wahr. Das Internet, so wie alle anderen nun technisch ausreifenden digitalen Nutzungsarten funktionieren (nach ihrer Kommerzialisierung, die einer „experimentellen Phase“ durch Künstler folgt), nach dem immer gleichen Prinzip, das allerdings den von den „Verkaufsstrategen“ darüber verbreiteten Mythen widerspricht: sie sind nicht öffentlich, sie haben Grenzen, und sie haben ein Zentrum.
Und, den intereressanten und verführerischen Aspekten der neuen Technologien stehen Verluste verschiedenster Art und erheblichen Umfangs gegenüber.

Vergessen scheinen die Versuche, z.B. Video als Werkzeug für Gegenöffentlichkeit, als ein kämpferisches Medium, als Waffe für gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen. Statt dessen wurden die neuen Medien alsbald in den Bereich des Ästhetischen und der Kunst zurückgesperrt, wo sie als Auraspender, Türöffner und Gleitmittel für die Perversitäten des heutigen Medienalltags dennoch eine wichtige Rolle zu spielen hatten: als Testfeld für die Digitalisierung und die aktuelle Verflachung, Verblödung und „Herabzüchtung“ von Sehen, Hören und letztlich Verstehen.

Aktuell ist viel vom Wachstum des sogenannten „Long Tail“ die Rede, wo angeblich „die Demokratisierung der Produktion realisiert wird: neue Produzenten von Nischen-Content wie Blogger und Podcaster sind auf den Plan getreten, aber auch Werkzeuge, die die Produktion erleichtern: Computer, Digitalkameras, Blogsoftware und aus Game-Engines abgeleitete „Machinima“-Software, mit deren Hilfe Nutzer einfacher denn je eigene Filme produzieren können. Zweitens sind die Transaktionskosten des Konsums durch neue Vertriebsmechanismen wie digitale Downloads oder Peer-to-Peer-Märkte deutlich gesunken. Und drittens ist es durch Suchmaschinen, kollaborative Filter, Empfehlungssysteme und Internetcommunities leichter denn je, als Konsument den Weg zur passenden Nische zu finden.

Im größeren Kontext heißt das, dass die sogenannte Individualisierung, die alles bestimmende gesellschaftliche Bewegung des 20. Jahrhunderts, sich auch im 21. Jahrhundert fortsetzt. Anders gesagt: Sie wird überhaupt erst zu einer Bewegung, die den Namen verdient, denn das bestimmende Element war bislang eine Massenkultur, die den angeschlossenen Subjekten eine Individualität durch Konsum mehr vorgaukelte als einlöste. Im Zusammenspiel mit den Möglichkeiten der “Mass Customization werden sich künftig Produkte vermarkten lassen, deren Zielgruppe genau eine Person umfasst.

Was aber, wenn einer dieser Ver-einzelten versucht, seine Kritik an
dieser Entwicklung zu formulieren, oder, noch weitergehender, versucht, diese Entwicklung gegenläufig zu beeinflussen?

Was geschieht bei der Konfrontation eines Einzelnen mit diesem wissenschaftlich-technisch- und kapitalistisch generierten System, in dem wir nun leben, und das nicht mehr ernsthaft diskutierbar erscheint?

Was geschieht, wenn dessen Kritiker glauben, zum Äußersten greifen zu müssen, um sicht- und hörbar zu werden? Im (selbstzerstörerischen) Wissen darum, dass jeder Angriff diesem System nur neue Energie zuführen wird und letztlich seiner weiteren Perfektionierung dienen wird?

So stand für mich nach Beendigung der Arbeit am Film konturierter als zuvor das Bild von einem scheinbar alternativlosen und von den USA dominierten Kapitalismus, der seine Kritiker, wie z.B. den New Yorker Medienkünstler Paul Garrin, zu der Formulierung vom „corporate fascism“ provoziert.

Es führt ein nicht nur diagrammatisch nachvollziehbarer Weg von Norbert Wieners Predikator und Cybernetics hin zu Konzepten für Worldwide Mental Health, der Politik des Containment oder des Electronic Battlefield im Vietnamkrieg (die von der gleichzeitig verlaufenden ” und teilweise gleichgeschalteten ” Entwicklung von Multimedia- und Konzeptkunst begleitet wurde), der sich bis zu den gegenwärtig in den USA von George W. Bush verfolgten Konzepten einer »Eigentümer-gesellschaftverlängern läßt. Im darin zu verfolgenden Aufheben, Entgrenzen und systematischen Zerstören aller Ideen von Solidarität oder den Einrichtungen und Errungenschaften etwa der Arbeiterbewegung ist auch der Widerschein jenes antikollektiv (und antikommunistisch) gefärbten Atomismus zu sehen, dem die Teilnehmer der Macy-Konferenzen so zugetan waren.

Welchen Spielraum gibt es in dem skizzierten Szenario also für Korrekturen, Eingriffe, Widerstand, Abwehr oder Veränderung? Wie muss der Begriff von DIssidenz nun neu gedacht und gefaßt werden? Wird Kunst und werden Künstler dabei überhaupt noch eine Rolle spielen?
Oder wird diese Kritik künftig eher von den „immer weiter Enrechteten und Atomisierten, die sich selbst und den Supernannys dieser Welt überlassenen, wie die Hartz-IV-Empfänger oder den still vor sich hinhassenden Nicht- und Protestwähler kommen? Die mit der einzigen ihnen verbliebenen Kraft, nämlich ihrer körperlichen Kraft und Gewalt auf den Straßen agieren werden, wie es sich der Sänger der Band Blumfeld im Interview vorstellt?

Jede Veränderung setzt eine vorherige Krise voraus. Es ist interessant, dass zur Zeit das Thema Krise verstärkt in den Medien auftaucht.
Bertolt Brecht und sein 1930/31 geplantes Zeitungsprojekt mit Walter Benjamin, das sich vorgenommen hatte, die Krise auf allen Gebieten der Ideologie entweder festzustellen oder herbeizuführen, und zwar mit den Mitteln der Kritikâ, wird wieder diskutiert, in der Berliner Zeitung TAZ
sinnierte ein Autor kürzlich über die Krise, die für ihn vor allem ein Moment systemischer Weichenstellungen darstellt, und seit jeher Hand in Hand mit der Kritik geht, die sich für ihn offensichtlich aber heute (wie schon in den 30er Jahren für Brecht und Benjamin) selbst in der Krise befindet.

Und auch am rechten nationalkonservativen Rand, in einer der letzten Ausgaben der Zeitschrift Sezession“ macht man sich Gedanken unter dem Titel Das Lob der Krise“. in der Hoffnung auf eine echte Krise, wie sie der Historiker Jacob Burckhardt definierte, die einer „echten Opposition“ eine Chance verschafft, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Befinden wir uns also gegenwärtig in einer echten Krisensituation, oder erleben wir doch nur Phasen eines vorausberechneten systemischen Spiels, das Teil eines in den Jahren des Übergangs vom heißen in den „kalten Krieg entworfenen EMERGENCY DESIGN ist, in dem Veränderung oder Dissidenz nurmehr den Systemlenkern vorbehalten sind? Wer ist das? Ist das noch herauszufinden?

Bis jetzt hat das menschliche Gehirn diese und alle anderen seiner Erfindungen und Hervorbringungen ausgehalten. Auf die Rhetorik des vermeintlich bevorstehenden Durchbruchs in Disziplinen wie Artificial Intelligence (AI), Computerwissenschaft oder moderner Hirnforschung wird zunehmend verzichtet, allerdings ohne die Anstrengungen dafür zu vermindern. Aber, wie geht es weiter?
Gefiele es mir, wenn die Menschen in einer virtuellen Welt leben? Dass Maschinen klüger sind als Menschen? Dass Menschen, Tiere und Pflanzen künftig Produkte von Technologie sind?
Für Konstruktivisten wie Heinz von Foerster, ehemals Sekretär der Macy-Konferenzen und Begründer des Biological Computer Lab (BCL), scheint die Antwort auf diese und andere Fragen, die ich ihm in meinem Film stellte, scheinbar einfach:

Frage: Was wird passieren? Wie geht das denn nun weiter?
Foerster: Immer weiter mit ableiten.
Frage Ja, aber es gibt doch irgendwo Grenzen?
Foerster: Eben nicht, das ist das Schöne, da kann man immerwieder weiter.
Frage In der Logik!
Foerster: Yes, genau!
Frage Aber in der Realität?
Foerster: Wo ist die Realität? Wo haben Sie die?

Ein Ausschnitt aus dem Film
Bei youtube findet man einen Ausschnitt aus dem Film Das Netz

Ich muss dabei sagen, dass es sich ABSOLUT lohnt, die ganze Dokumentation als DVD im Regal zu haben. Nicht zuletzt auch aus Respekt dem Autor gegenüber!
Also bitte keine Fragen ob man die komplette DVD irgendwo runterladen kann.
Selbst wenn ich es wüsste würde ich es nicht weitergeben.